„Das Schicksal meint es gut mit uns“

Der Autor Peter Wagner machte sich auf die Suche nach dem Sinn von Rückschlägen – und traf auf Menschen, die daraus neue Kraft schöpften.

Herr Wagner, sind Schicksalsschläge gut für uns?

Ja. Allerdings ist Schicksalsschlag in dem Zusammenhang ein strenges Wort. Ich würde von Umbrüchen sprechen. Wir reifen dadurch, dass wir über Schwellen gehen und dabei auch mal scheitern. Dennoch wünscht sich jeder ein harmonisches und unkompliziertes Leben.

Ist das falsch?

Natürlich wünschen wir uns alle ein reines und glattes Leben, keiner bestellt sich Schicksalsschläge oder Umbrüche. Aber rückblickend erscheinen uns viele unglückliche Erlebnisse sinnvoll. Wenn man sein Leben nach Lehren abklopft, stellt man fest, dass sich diese oft aus schwierigen Zeiten ergeben haben.

Für Ihr Buch „Wofür es gut ist“ haben Sie Menschen nach diesen schwierigen Zeiten und den Lehren gefragt, die sie daraus gezogen haben. Wie kam es dazu?

Entscheidend war die Begegnung mit einer Wirtin im Bayerischen Wald. Die Frau war fröhlich und sehr warmherzig, obwohl wenige Monate zuvor ihr Sohn an Leukämie gestorben war. Ich habe mich anfangs nicht getraut, sie darauf anzusprechen. Doch mir ging diese Frau nicht mehr aus dem Sinn. Einige Monate später bin ich noch einmal hingefahren und habe sie gefragt, was mich nicht losgelassen hat: Was haben Sie erlebt, wie gehen Sie damit um und was können Sie weitergeben?

Was unterschiedet Ihr Buch von anderen Büchern über die Lehren des Lebens?

Die Frage habe ich mir selbst oft gestellt. Andere Bücher beschäftigen sich oft mit Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen. Sie haben häufig eine besonnene, fast versöhnliche Sicht auf Dinge, die schon lange zurückliegen. Mein Anliegen war es daher, Menschen in der Mitte ihres Lebens zu fragen: Was hast du bisher gelernt und wie willst du weitermachen? Ich wollte nicht nur zurückschauen, sondern auch nach vorne. Für den Leser sollte eine Anleitung entstehen, mit Lebensphasen umzugehen, die gerade nicht so sonnig sind. Sie besagt: Es gibt Menschen, die ähnliche schlimme Dinge erlebt haben wie man selbst, aber man kann gut damit fertig werden.

Hilft es denn, das eigene Schicksal mit dem anderer zu vergleichen?

Ich behaupte, dass wir in einer Zeit leben, in der es wichtiger denn je ist, sich an anderen zu orientieren. Früher haben viele Menschen gedacht, der liebe Gott wird es schon richten – doch Glaubensangebote oder auch Ideologien haben ihre Anziehungskraft verloren. Dadurch fehlt uns der Halt in der Welt. Wir sollten uns mehr umsehen und verstehen, wie andere mit ihrem Leben fertig werden. Dabei geht es nicht darum zu gucken, was der andere alles mehr hat als ich, sondern darum, Gemeinsamkeiten zu finden. Wer erkennt, dass es anderen ähnlich geht wie einem selbst, wird gelassener und fühlt sich weniger allein.

Was hat sich für Sie persönlich durch die Gespräche verändert?

Ich habe vor allem gelernt, was für eine wahnsinnige Kraft die Frage „Was haben Sie aus dem Leben gelernt?“ haben kann. Sobald sich jemand der Frage wirklich annimmt, bekommt ein Gespräch Charakter und Tiefgang. Viele haben so zum ersten Mal intensiv über ihr Leben nachgedacht.

Haben Sie bei der Recherche jemanden kennengelernt, der das Zeug zum Vorbild hat?

Auf jeden Fall. Es gab einige, die mich beeindruckt haben. Etwa ein Mann, der nach einer Herztransplantation zum Frührentner wurde. Er dachte, dass er nun nichts mehr wert sei, weil er „nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen kann“, wie er es ausdrückte. Dann hat er sein Leben neu bewertet: Er hat gelernt, dass es auch einen großen Wert hat, Menschen zuzuhören und Dinge anzunehmen. Nachdem ich diese Geschichte gehört hatte, bin ich verändert nach Hause gegangen. Ich fragte mich: Ist es wirklich so wichtig, wie viel und was ich erreiche? Was bedeutet es für mein Leben, wenn ich umdenke und es künftig anders sehen will?

Welche Gemeinsamkeiten haben die Menschen, die in Ihrem Buch vorkommen?

Sie zeichnet eine gewisse Offenheit aus. Alle wissen: Es hilft, über Probleme zu sprechen. Reden ist ein wichtiges Instrument. Wenn man seine Sorgen teilt, werden sie erträglicher. Und sie alle wissen auch, dass diese Erlebnisse sie reifer gemacht haben – vielleicht sogar zu einem besseren Menschen.

Erschienen im Wirtschaftsmagazin enorm.

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