Bloß keine Angst

Larry Macaulay träumte nie von einem Leben in Europa. Er verließ seine Heimat Nigeria, als Terroristen sein Haus anzündeten. Er floh nach Libyen, bis dort der Krieg ausbrach. Erst als sich Macaulay in Afrika vor der Zukunft fürchtete, wagte er die Reise nach Deutschland. Hier kämpft er dafür wieder Mensch zu sein und nicht nur Flüchtling.

Nur tot sind sie gut, steht auf einem Pappschild. Es hängt vor dem weißen Zelt, in dem Larry Macaulay sitzt. In der Mitte des Zeltes steht ein silberner Teekessel. Pappbecher liegen herum. Zwei Grad Außentemperatur. Macaulay wärmt sich die Hände an einem Heizstrahler. Das Zelt, etwa so groß wie eine Pferdebox, steht in einer Einkaufsstraße in Hamburg-Altona. Passanten gehen vorbei. Eine junge, blonde Frau spuckt auf den Bürgersteig, vor die schwarz-rot-goldene Flagge, auf der in Großbuchstaben steht: Deutsche integriert euch. Andere bleiben stehen, versuchen zu verstehen, was hier passiert. Das Zelt ist kein Auffanglager für Flüchtlinge. Es ist ein Integrationslager für Deutsche. Sie sollen erleben, wie sich die Ankömmlinge fühlen, so die Idee der Wiener Performancegruppe God’s Entertainment. Sie haben das Projekt entwickelt, um die Integrationsfähigkeit und den Integrationswillen der Deutschen zu testen. Larry Macaulay ist hier nur zu Gast. Er soll sich mit den integrationsschwächeren Einheimischen unterhalten, sie konfrontieren, eine Brücke bauen.

Macaulay ist Flüchtling und kommt aus Nigeria. Er ist 42 Jahre alt, sieht jedoch viel jünger aus. Bis auf die schmale Narbe auf seiner Stirn ist sein dunkles Gesicht makellos. In Lagos hat er Business Management studiert. In seiner Heimatstadt Jos erlebte er die Konflikte zwischen Moslems und Christen. Lange bevor der Westen etwas mitbekam, bevor Boko Haram in aller Munde war, habe es in Nigeria Gewalt und Gemetzel gegeben, sagt Macaulay. Er begann, über den Krieg in seinem Land zu berichten. Genau das wollten Regierung und Rebellen nicht. Im Jahr 2010 musste er seine Heimat verlassen – er war nicht mehr sicher. In Libyen baute er sich ein neues Leben auf. Gemeinsam mit einigen Freunden gründete er ein Bauunternehmen. Die Aufträge kamen von der libyschen Regierung. Nur ein Jahr später bombardierte die Nato das Land. „Die Umstände haben mich zum Flüchtling gemacht“, sagt Macaulay. „Bevor ich Flüchtling wurde, war ich Mensch – ich hatte ein produktives Leben.“ Über das Mittelmeer floh er auf die italienische Insel Lampedusa. Zwei Jahre später zog er nach Hamburg. Seine Flucht ist zu Ende, doch eine neue Heimat hat er bisher nicht gefunden. Er sei nicht nach Europa gekommen, weil er hier leben wollte, sagt Macaulay. „Ich bin gekommen, um zu überleben.“ In Italien sah er keine Perspektive. Erst in Hamburg habe sich das Tor zur Hoffnung einen kleinen Spalt geöffnet. Deshalb entschied er, vorerst hier zu bleiben. Er gründete das Refugee Radio Network – eine Onlineplattform von Flüchtlingen, für Flüchtlinge. Für seine Gespräche benutzt er kein Skript. Er hat kein klares Konzept. Aber eine Vision: Dass jeder seine Geschichte selbst erzählen darf.

„Viele Menschen reden über Flüchtlinge, aber nur die Wenigsten reden mit ihnen.“ Doch einzig die Begegnung und der Dialog würden helfen, die Vorurteile zu überwinden, glaubt Macaulay.

„Larry“, ruft die Künstlerin Maja Degirmendzic von draußen. Neben ihr wartet ein älterer Mann, der sich als Till vorstellt und Deutschland kurz zuvor für tot erklärt hat. „Was genau meinst du mit ‚Deutschland ist tot’?“, fragt Macaulay auf Englisch. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Aber ich kann mich nicht mehr mit Deutschland identifizieren“, antwortet der Mann. Schuld seien die Zugezogenen. Macaulay zeichnet das Gespräch auf – vielleicht benutzt er es für seine neue TV-Show.

Seit Tagen überlegt er, worum es in der ersten Sendung gehen soll. „Angst“, sagt Macaulay dann plötzlich. Der größte Feind von Integration sei die Angst. „Sie ist der Grund für Ignoranz und Stigmatisierung.“ Das Thema für seine erste TV-Show steht fest.

Larry Picture
@JantoRößner

Die Premiere findet im Kampnagel statt. Vier Kameramänner, Freunde von Macaulay, zeichnen die Show auf. Ein neues Format für seine Onlineplattform. Knapp einhundert Zuschauer sind gekommen. Die Show beginnt. Larry Macaulay betritt in grauer Anzughose, mit Fliege und Hosenträgern, die Bühne. „Migration and the fear factor – what are we afraid of?“, fragt Macaulay in die Runde. Er lässt seinen Blick durch das Publikum schweifen. Fast eineinhalb Stunden interviewt er God’s Entertainment, die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard und einen brasilianischen Sozialunternehmer. Zwischendrin werden Videoclips eingespielt. Larry Macaulay genießt den Moment. Es ist seine Show. Die Menschen hören ihm wieder zu. Dafür hat er lange gekämpft.

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