Das Leben vom Schrott der anderen

Eine der größten Elektromüllhalden weltweit vergiftet in Ghanas Hauptstadt Menschen und Umwelt. Obwohl die Ausfuhr von Elektroschrott in Drittstaaten EU-weit verboten ist, landetet noch immer allerlei Müll in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika und Asien. Für die Behörden ist schwer zu prüfen, ob die Geräte Second-Hand-Ware sind oder Schrott.

Ein kleiner Lastwagen rattert über die holprige Straße auf den Schrottplatz. Die Männer am Eingang warten auf die Ladung: Monitore, Laptops, Plasmafernseher. Die alten Elektrogeräte kommen aus dem „Bush“ – so nennen die Arbeiter hier die Stadt um den Schrottplatz herum. Die Sammler durchstreifen Accras Straßen, fragen in Wohnhäusern, Büros und bei Straßenhändlern nach alten Geräten, die nicht mehr gebraucht werden.

Einer der Wartenden ist Sumani Abdul-Karim. Er hat Brandnarben an Armen und Schienbeinen. Als 14-Jähriger kam Karim hierher, heute ist er 30 Jahre alt. Er hat sich hochgearbeitet: Vom kleinen Schrottsammler zum Zwischenhändler der Kabel, Batterien, alte Computern und Fernseher entgegennimmt und die Wertstoffe weiterverkauft. Einige jüngere Männer arbeiten für ihn. Sie zertrümmern Fernseher und brennen das Plastik von den Kabeln. Anschließend bringen sie Karim Kupfer, Aluminium und Eisen – eine Arbeit, die er zu Beginn selbst gemacht hat.

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Sumani Abdul-Karim vor seinem Zuhause, einem kleinen Raum ohne Fenster.

Wie die meisten hier stammt Karim aus dem Norden Ghanas. Vor einigen Jahrzehnten lebten die Bauern dort gut, bauten Zwiebeln und Tomaten an, ihr Vieh graste auf grünen Wiesen. Doch immer längere Dürren haben die Böden unfruchtbar gemacht. Viele Eltern konnten ihre Kinder nicht ernähren und schickten sie zum Arbeiten in die Hauptstadt Accra – viele von ihnen landeten in Agbogbloshie.

Agbogbloshie ist ein Stadtteil Accras. Aber für die Menschen in Ghana ist er auch ein Inbegriff für den Müll, das Gift, die Armut und das Elend. Agbogbloshie ist Endstation für aussortierte Elektrogeräte. Blei, Quecksilber, Cadmium und Arsen vergiften hier Menschen und Umwelt. Rund 4000 Menschen arbeiten auf der Müllhalde – und viele mehr sind den Giften ausgesetzt. Nach Angaben der ghanaischen Umweltbehörde sind rund 250.000 der insgesamt rund 2,3 Millionen Bewohner Accras direkt betroffen.

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Eine Frau sammelt auf dem Schrottplatz alte Plastikverpackungen, auf dem Rücken ihr Baby.

Ghana ist weltweit der größte Importeur von gebrauchten Elektrogeräten, die anschließend auf den hiesigen Müllhalden landen. Rund 215.000 Tonnen Elektroaltgeräte kommen jedes Jahr im Hafen von Tema nahe Accra an, vor allem aus Westeuropa. Hinzu fallen jährlich rund 130.000 Tonnen Elektroschrott im Inland an. 2008 hat Greenpeace auf dem Schrottplatz Bodenproben entnommen. Die Schadstoffbelastung lag um ein 50-faches über dem als gesundheitlich unbedenklich geltenden Wert. Fünf Jahre später ernannte das US-amerikanische Pure Earth Institut Agbogbloshie zu einem der zehn verseuchtesten Orte der Welt.

Auf dem Schrottplatz herrscht eine klare Hierarchie: Die fünf bis achtjährigen ziehen einen Magneten hinter sich her, suchen den Schrottplatz nach kleinsten Metallteilchen ab. Wenn sie einen Eimer voll haben, verkaufen sie den Inhalt für ein paar ghanaische Cedi – manchmal weniger als ein Euro. Die Neun- bis Zwölfjährigen zertrümmern Monitore, Computer und Fernseher. Das schädlichste ist das verbrennen der Plastikummantelung. Um an die Metalldrähte zu kommen, verbrennen – meist Jugendliche – das Plastik von den Kabeln. Stundenlang stehen sie in dem giftigen Qualm und wenden die Kabel. Seit Jahren versuchen zahlreiche Interessenvertreter das Brennen der Kabel zu stoppen. Darunter die ghanaische Umweltagentur (EPA), die für das Umweltministerium arbeitet, und die Nichtregierungsorganisation Green Advocacy Ghana (GreenAd). Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Pure Earth Institute hat GreenAd im Oktober 2014 einen Recyclinghof eröffnet. Die vier neuen Maschinen könnten das Verbrennen der Kabel theoretisch ersetzen. Doch an vielen Tagen ist das Recyclingcenter am Rande des Schrottplatzes menschenleer. Zu häufig gibt es Stromausfälle – dann stehen die Maschinen still. „Es ist schwierig, die Jungs zu motivieren hier zu arbeiten, wenn sie immer erst überprüfen müssen, ob wir gerade Strom haben“, meint Karim, der seit Jahren GreenAd zusammenarbeitet und ihr Ansprechpartner auf dem Schrottplatz ist.

Auch Kinder arbeiten auf dem Schrottplatz von Agbogbloshie.
Auch Kinder arbeiten auf dem Schrottplatz von Agbogbloshie.

Dass Karim schon sein halbes Leben hier verbringt, hat Spuren hinterlassen. Immer wieder zieht er ein vergilbtes Taschentuch aus der Hosentasche und hustet hinein. „Meine Lunge schmerzt, ich fühle mich oft erschöpft und habe andauernd Kopfschmerzen.“ Durchschnittlich acht Euro verdient er am Tag. Viele der Arbeiter verdienen weniger, oft sind es weniger als fünf Euro. Doch deutlich mehr als viele Ghanaer im Niedriglohnsektor verdienen: 24,2 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als 1,25 Dollar am Tag (WDI, Stand 2012). Doch die gesundheitlichen Risiken auf dem Schrottplatz sind immens. Nach weniger als einem Jahr seien die Auswirkungen bereits deutlich zu spüren, meint Umweltjournalist und -aktivist Mike Anane. „Anfangs verstehen die Kinder nicht, dass ihre Arbeit sie krank macht“, sagt Anane. „Viele kommen zu mir und sagen: Mister Mike, ich kann nicht mehr so gut rennen und Fußball spielen wie früher, ich bekomme keine Luft mehr.“ Viele der Arbeiter würden den Großteil ihres Einkommens für Schmerzmittel und andere Medikamente ausgeben, sagt Anane. Seit die ersten Ladungen Elektroschrott vor rund 13 Jahren in Agbogbloshie abgeladen wurden, berichtet er über das Thema.

Mike Anane ist in Agbogbloshie aufgewachsen. Er erinnert sich an seine Kindheit: Hier spielte er mit seinen Freunden Fußball. Für ihn war es der schönste Ort in Accra: „Hier war das Paradies – das Wasser war so klar, dass man darin schwimmen und Fische fangen konnte.“ Aber nun ist das Paradies verloren. Heute ist die Lagune ein schwarzer, stinkender Sumpf.

Die Korle Lagune fließt durch Agbogbloshie. Auf der einen Seite ist der Schrottplatz, am anderen Ufer ein Slum. Die Menschen hier nennen ihn „Sodom und Gomorrha“. Die Bewohner haben die Fläche illegal bebaut. Die meisten hier leben von und mit dem Müll. Schrott, Haushaltsmüll und Fäkalien – alles landet in der Lagune. Die Folge sind riesige Überschwemmungen in der Regenzeit: Am 3. Juni starben mehr als 150 Menschen, als eine nahegelegene Tankstelle explodierte. Der Tank wurde unterspült, das Benzin breitete sich auf den Wasserfluten aus.

Wenige Tage nach dem Unglück sind die Polizisten in Sodom und Gomorrha einmarschiert, wollten das Gebiet räumen. Es gab Proteste, die Bewohner warfen Steine und andere Gegenstände. Die Polizisten zogen ab, doch sie kamen wieder. Mit der Armee haben sie schließlich die Holzhütten abgerissen, nur einzelne steinerne Häuser stehen noch.

Rund 10.000 Menschen müssen sich nun ein neues Zuhause suchen. Am Stadtrand von Accra hat die Regierung den Betroffenen ein Stück Land bereitgestellt. Die meisten siedeln dahin über, etwa 3000 haben dem Vorschlag der Regierung zugestimmt, zurück in den Norden des Landes zu gehen – vorerst. Für viele Experten ist klar: Sie werden zurückkommen, denn im Norden gibt es keine Arbeit, die meisten Schrotthändler leben seit Jahren in Accra.

Hudu ist einer von jenen, die nicht gehen wollen. Er hockt auf einem Stein, zwischen den Trümmern, und zerlegt einen alten Röhrenfernseher. Hier war seine Veranda, dahinter stand seine Hütte. Nur ein paar Holzbretter liegen noch dort auf dem Boden. Wie Karim ist auch Hudu als Jugendlicher aus dem Norden des Landes nach Agbogbloshie gekommen. Er will nicht zurückgehen und auch sonst nirgendwohin. „Hier ist mein Zuhause“, sagt er. Momentan schlafe er im Freien, auf dem Betonboden, wo seine Veranda war. „Wenn es regnet gehe ich zu meinen Nachbarn ins Haus.“ Mehr denn je sei die Regierung jetzt gefragt, das Gebiet um die Lagune zu schützen, sagt Yaw Amoyaw-Osei. Wenn sie das Gebiet sich selbst überlassen, werden die Menschen zurückkehren, ihre Hütten wieder aufbauen. „Dann war alles umsonst.“ Derzeit arbeitet er gemeinsam mit der EPA an einem Plan für das Gebiet um die Lagune. Seit mehr als 30 Jahren setzt sich Amoyaw-Osei für den Umweltschutz in Ghana ein. Nach 19 Jahren als EPA-Mitarbeiter, gründete er 2007 die NGO GreenAd. Gegen den Elektroschrott anzukämpfen, ist mühsam. Lange habe Yaw Amoyaw-Osei gehofft, die Schrottflut eindämmen zu können. Doch das hat er aufgegeben. „De facto haben wir kein Gesetz, denn die Tatsache, dass etwas kaputt ist, heißt nicht, dass es auch Schrott ist“, sagt Amoyaw-Osei. „Wir können nicht verhindern, dass der Abfall hierher kommt. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass er umwelt- und gesundheitsfreundlich recycelt wird.“

Als Militär und Polizei den Slum räumten, verlor Hudu seine Hütte. Auf seiner Veranda zerlegt er einen alten Fernseher.
Als Militär und Polizei den Slum räumten, verlor Hudu seine Hütte. Auf seiner Veranda zerlegt er einen alten Fernseher.

Die Elektroindustrie entwickelt sich so schnell, wie kaum eine andere. Immer mehr neue Geräte bedeuten auch immer mehr alte, die entsorgt werden müssen. Laut des Berichts „Waste Crime – Waste Risks“ des Umweltprogramms der Vereinten Nationen wurden im Jahr 2014 rund 42 Millionen Tonnen Elektroschrott erzeugt. Durch die Nachfrage nach immer neueren, schnelleren Geräten, könnte die Zahl bis 2017 nochmals um zehn Millionen Tonnen steigen. Schätzungsweise werden nur zehn bis 40 Prozent angemessen recycelt– über den Verbleib der restlichen 60 bis 90 Prozent, ist wenig bekannt. Keiner weiß genau, wie viel illegal gehandelt und wie viel in der nächsten Mülltonne landet.

Die Händler auf Ghanas Straßen haben vor einigen Jahren ihre Strategie geändert: Sie verkaufen die Elektroaltgeräte ungetestet. Es ist ein Risikospiel: Wer Glück hat erwischt einen funktionierenden Fernseher. Wer ein defektes Gerät erwischt, welches sich nicht mehr reparieren lässt, verkauft es an einen Schrotthändler weiter. Mittlerweile seien rund 80 Prozent der Geräte, die in Ghana ankommen, defekt, schätzt Umweltjournalist und -aktivist Mike Anane. Die Lebensdauer der Elektrogeräte werde außerdem immer kürzer. Doch die Menschen in Ghana brauchen die Second-Hand-Geräte, nur die wenigsten können sich einen neuen Fernseher oder Computer leisten. „Dass gebrauchte Geräte noch weiter verwendet werden, ist gewünscht“, sagt Tilman Baehr von der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie.

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er im Bereich der grenzübergreifenden Abfallverbringung, seit zwölf Jahren ist er Bundesratsvertreter in der EU. „Problematisch zu beurteilen ist die große Grauzone: Wann ist das Gerät ein funktionierendes oder reparaturfähiges Produkt und wann ist es Schrott?“
 Rund 17 Milliarden Euro werden an der illegalen Verschiffung und Ausschlachtung von Elektroschrott verdient, so steht es in dem UN-Report. „Es gibt Geschäftsleute verschiedenen Kalibers, die gebrauchte und teilweise auch defekte Elektro- und Elektronikgeräte nach Afrika verschiffen“, sagt Andreas Manhart vom Öko-Institut in Freiburg, „auch solche, die bewusst Schrott nach Westafrika bringen.“ Der organisierte, kriminelle Schmuggel mache allerdings nur einen geringen Teil aus. Viele Exporteure seien Privatpersonen, häufig Afrikaner, die in Europa leben. „Sie schicken ihren Familien, Freunden und Handelspartnern in der Heimat Kleidung, Möbel und diverse Haushaltsgeräte zu. In den Containern befinden sich auch oft Elektroaltgeräte – nicht alle funktionieren auch.“

Fred Aheto (Name geändert) ist einer der Transporteure. Von Zeit zu Zeit belädt er einen Container und schickt ihn auf die Reise in sein Heimatland Nigeria. Er hat seine rote Cap weit ins Gesicht gezogen, auf der Stirn eine Narbe, abgekaute Fingernägel. Fred Aheto ist 40 Jahre alt, Ingenieur. Vor etwa zwei Jahren floh er nach Italien, seit fast zehn Monaten lebt er nun in Hamburg. Das Verschiffen von Containern sei manchmal die einzige Chance, um an Geld zu kommen – doch für ihn sei es nur ein Notfallplan. Die Organisation sei stressig, monatelang müsse man sammeln, die Sachen irgendwo lagern, umhertelefonieren. „Es ist ein Job, der mir Kopfschmerzen macht“, sagt Aheto. Doch er kenne viele Afrikaner in Hamburg, die regelmäßig Container verschiffen. „Als Flüchtling hier einigermaßen gutes Geld zu verdienen, ist schwierig – keiner möchte für immer Tellerwäscher sein.“

Viele Händler profitieren von einem Gerät: Sammler beschaffen die Waren, die dann in Wohnungen, Hinterhöfen und auf freien Flächen in der Nähe des Hafens gelagert werden. Für drei bis sieben Euro kaufen Männer wie Aheto den Sammlern einen alten Fernseher ab. Wenn man die Augen aufhält, bekäme man ihn sogar kostenlos: „Die Deutschen stellen ihren Schrott einfach am Straßenrand ab“, sagt Aheto. „Was für sie Schrott ist, ist für uns noch lange kein Schrott.“ In Afrika würde man ihm einen solchen Fernseher für 50 bis 70 Euro abkaufen. Bei der Ankunft im Hafen werden die Geräte an Straßenhändler verkauft, die sie dann wiederum weiterverkaufen.

Einmal wurde einer seiner Container beschlagnahmt, erzählt Aheto. Im April dieses Jahres habe er gemeinsam mit seinem Cousin einen Container in Frankreich beladen. Die Kontrolleure entdeckten den fluorchlorkohlenwasserstoffhaltigen (FCKW) Kühlschrank. 2000 Euro Strafe mussten sie zahlen, sagt Aheto. Denn die EU-Ausfuhr von FCKW-haltigen Geräten, wie etwa Klimaanlagen, Kühlschränken, Tiefkühltruhen und Autos mit Klimaanlage, ist seit 2009 verboten. FCKW ist ein langlebiges Treibhausgas, mitverantwortlich für die Ausbreitung des Ozonlochs.

Während der grenzüberschreitende Transport von FCKW-haltigen Waren in den vergangenen stark eingedämmt werden konnte, sind die Kontrollen von Elektroschrott noch problematisch. „Bei einem Kühlschrank lässt sich einfach und eindeutig durch entsprechende Kennzeichnung am Gerät bestimmen, ob er FCKW enthält oder nicht“, erklärt Tilman Baehr. „Einem Laptop Computer sieht man oft nicht sofort an, ob er noch funktioniert.“ Schwammige Formulierungen der Gesetze, würden die Arbeit zusätzlich erschweren.

Für die Kontrollen in deutschen Häfen sind drei Instanzen verantwortlich: Die Wasserschutzpolizei, der Zoll und das Bundesamt für Güterverkehr. Wenn es einen Verdachtsfall gibt, wird die Umweltbehörde informiert – das passiere etwa 250 bis 300 Mal im Jahr, sagt Baehr. Dann wird der Container geöffnet und die Ladung gesichtet. Im regulären Betrieb werden Container und Ladung nur über ein digitales Verfahren registriert.

In Europa regeln die Elektro- und Elektronik-Altgeräte-Richtlinie (WEEE-Richtlinie) seit 2003 den Umgang mit Elektroaltgeräten. Diese wird auf nationaler Ebene umgesetzt. In Deutschland gibt es für die Entsorgung von Elektroaltgeräten eine geteilte Produktverantwortung: Die Entsorgungspflichten liegen bei den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern (örE) sowie den Herstellern. Die örE sind verpflichtet, Sammelstellen zu gründen und Elektroaltgeräte kostenlos entgegenzunehmen. Verbraucher müssen die Geräte auf diesem Weg zurückzugeben. Doch immer wieder landen Mixer, Föhn und Toaster im Haushaltsmüll, Fernseher und Computer am Straßenrand. Letztere finden oft ihren Weg ins Ausland.

Bis Februar 2014 hatten die EU-Staaten Zeit, eine Neuerung der Richtlinie umzusetzen – in Deutschland ist die WEEE-Novelle bis heute nicht umgesetzt worden. Die EU-Kommission verklagte die Bundesrepublik deshalb im Mai 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof und beantragte eine Strafe von 210.078 Euro pro Tag, bis das Gesetz erneuert wird.

Im Mai wurde im Bundestag erstmals über den Entwurf der WEEE-Novelle beraten. Entwicklungsminister Gerd Müller appelliert daran, ein besonderes Augenmerk auf die geplanten Regelungen zur Vermeidung der illegalen Verbringung von Elektroschrott in Entwicklungsländer zu legen.

Die wohl entschiedenste Neuerung für die Verbringung von Elektroaltgeräten, ist die Beweislastumkehr. Nach der Gesetzesneuerung sind die Exporteure in der Pflicht, für jedes Gerät ein Prüfzertifikat vorzulegen, das die Funktionalität des Gerätes garantieren soll. „Die Zertifikate sollen laut Gesetzentwurf, von einer Elektrofachkraft ausgestellt werden. Wie das im konkreten Vollzug ablaufen soll, bleibt noch abzuwarten“, sagt Tilman Baehr von der Hamburger Umweltbehörde. Voraussichtlich Ende dieses Jahres soll die Neuerung in Deutschland in Kraft treten. „Der illegale Handel wird wahrscheinlich nie vollständig zu unterbinden sein – auch nicht mit der Gesetzesneuerung“, sagt Andreas Manhart vom Öko-Institut. „Doch die Novelle ist ein Fortschritt und absolut sinnvoll.“

Die Korle Lagune trennt den Schrottplatz vom Slum – die Menschen hier nennen ihn „Sodom and Gomorrah“.

Doch nicht nur Europa ist für die verantwortlich. Die ghanaische Regierung ruhe sich zu sehr auf den Initiativen aus dem Ausland aus, behaupten einige Experten aus In- und Ausland. Seit drei Jahren plant die Regierung ein Elektroschrott-Gesetz verabschieden. Doch bis heute hat das Parlament nicht darüber abgestimmt.

Für die Menschen in Agbogbloshie geht der Alltag weiter. Karim spricht häufig mit Mitarbeitern der Umweltagentur, ghanaischen und ausländischen Nichtregierungsorganisationen. Er führ sie über den Schrottplatz. Wenn sie Blutproben entnehmen wollen, um die Schadstoffbelastung zu testen, willigt er ein. Er weiß, dass die Gifte hier alle krank machen. Dass sie aufhören müssen, die Kabel zu verbrennen. Doch er weiß nicht, was er dagegen tun kann. „Wir warten darauf, dass jemand kommt, der uns hilft.“ Eine bittere Hoffnung.

Erschienen im Handelsblatt, am 26. August 2015.

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