„Was wir machen, ist kein Wunschkonzert.“

Die Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ soll wohnungssuchende Flüchtlinge und Wohngemeinschaften zusammenzubringt. Gegründet wurde die Plattform 2014 von den WG-Partnern Mareike Geiling und Jonas Kakoschke. Fazit nach einem Jahr: Bereits rund 400 Geflüchtete fanden in private Wohneinheiten ein neues Zuhause.

Vor einem Jahr habt ihr das Projekt „Flüchtlinge Willkommen“ gestartet und damit eure Idee verbreitet, Flüchtlinge in Privatwohnungen aufzunehmen. Wie habt ihr das vergangene Jahr erlebt?

Mareike: Es war eine unglaubliche Zeit. Wir haben eine Idee ins Netz gestellt, von der wir überzeugt waren – aber niemals hätten wir geahnt, dass wir so einen Erfolg haben werden. Es ist ein Konzept entstanden, das in Berlin von einem achtköpfigen Team bundesweit umgesetzt wird. In Österreich, Griechenland, Portugal, Spanien, Niederlande, Polen und Schweden haben sich weitere Teams gebildet. Was wir im Privaten angefangen haben, nämlich einen Geflüchteten in unserer Wohnung aufzunehmen, ist Realität für mehr als 180 Menschen geworden.

Was hat sich in eurem Leben seitdem verändert?

Mareike: Jonas und ich verdienen unseren Lebensunterhalt mittlerweile mit dem Projekt. Aber es ist mehr als ein Job, es ist eine Art Lebensaufgabe und Leidenschaft. Arbeit und Freizeit vermischen sich, aber bisher fühlt sich das alles richtig an. Wir sind zwar zu Workaholics geworden, haben aber das Gefühl, das Richtige zu tun. Das wiegt alles auf.

Vor einem Jahr ist Bakary Konan, ein Flüchtling aus Westafrika, in dein Zimmer und somit zu deinem Mitbewohner Jonas Kakoschke gezogen, während du in Kairo warst. Nun bist du wieder zurück in Berlin. Wo wohnt Bakary jetzt?

Mareike: Bakary ist in die Wohnung der Freundin gezogen, die uns damals miteinander bekannt gemacht hat. Die Wohnung wurde gerade frei, das hat perfekt gepasst. Deshalb war der Umzug ganz unkompliziert. Wir sind gute Freunde geworden, sehen uns regelmäßig. Bakary ist ein Mensch, den wir wohl niemals aus den Augen verlieren werden.

Ihr seid im Moment in Athen. Was macht ihr dort?

Mareike: Jonas und ich möchten uns ein Bild von der Situation in Griechenland machen, wo EU-weit momentan die meisten Geflüchteten ankommen. Nächstes Wochenende treffen wir uns erstmals mit allen Teams aus den anderen sieben Ländern. Bisher hatten wir mit den meisten nur via E-Mail oder Skype Kontakt. Doch die bisherigen Treffen haben gezeigt, dass es sich kaum anders anfühlt, mit Griechen oder Portugiesen zu sprechen als mit Mitbürgern aus anderen Bundesländern. Wir fühlen uns nicht als Bürger von Nationalstaaten sondern als Europäer.

Wie läuft „Flüchtlinge Willkommen“ in anderen Ländern ab?

Mareike: In jedem Land läuft das Projekt ein bisschen anders, denn es sollte an die Gegebenheiten vor Ort angepasst sein. Insbesondere in Griechenland ist es schwierig, ein langfristiges Zusammenleben aufzubauen. Die meisten Geflüchteten ziehen in Länder Zentraleuropas weiter. Uns ist es wichtiger, dass die Herangehensweise eine ähnliche ist: Was wir teilen, ist die Idee von einem solidarischen Europa, das geflüchtete Menschen als Individuen begreift, die bei uns willkommen sind, so wie wir auch in ihren Ländern willkommen sind. Wir sehen sie als ganz normale Menschen, mit denen man zusammenleben kann und nicht als bedrohliche, anonyme Masse.

Eine Initivative wie eure, gab es in der Form noch nicht. Welche Hürden musstet ihr überwinden?

Mareike: Die bürokratische Verwaltung der Ämter macht definitiv uns – und vielen, vielen Geflüchteten – den Alltag schwer. Jede Kommune regelt es anders, wie sie Geflüchtete unterbringt und unter welchen Bedingungen sie in ein privates Wohnverhältnis umziehen können. Das zu klären ist ein enormer Aufwand. Wir erleben auch immer wieder, dass Geflüchtete in den Behörden strukturellen Rassismus erfahren.

Zu Beginn dachten wir, dass wir mit größeren Institutionen vor Ort zusammen arbeiten können, die sich ohnehin in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass viele mit der digitalen Arbeitsweise unseres Projekts und der Situation insgesamt überfordert waren. Daher bauen wir nun ein Netzwerk von Ehrenamtlichen auf, weil diese sehr flexibel und engagiert mit uns zusammenarbeiten. Ohne die 60 Ehrenamtlichen, die unsere Arbeit wöchentlich mit einigen Stunden unterstützen, könnten wir kaum arbeiten.

Über „Flüchtlinge Willkommen“ konnten bereits 188 Geflüchtete in privaten Wohngemeinschaften vermittelt werden. Hat das immer reibungslos funktioniert?

Mareike: Bei zwei Vermittlungen wurde das Mietverhältnis vorzeitig beendet – von 188 Vermittlungen ist das aber ein toller Schnitt. Viel irritierender ist hingegen, dass uns manche Wohnraumgebende als Dienstleister wahrnehmen. Sie haben extreme Vorstellungen von einem künftigen Mitbewohner: Es soll etwa ein homosexueller Mensch sein, der für drei Monate einzieht und dann bitte wieder zurück in die Sammelunterkunft geht. Andere fragten nach einem Veganer oder einer assyrischen Christin. Das, was wir machen, ist kein Wunschkonzert. Wir vermitteln Menschen, die aus großer Not zu uns kommen. Wir haben kein Verständnis für Menschen, die das Projekt als Möglichkeit sehen, mal kurz die Erfahrung zu machen, mit einer geflüchteten Person zusammenzuleben.

Was habt ihr mit „Flüchtlinge Willkommen“ in Zukunft vor?

Mareike: Zuletzt haben wir entschieden, dass wir nur noch ab sechs Monaten vermitteln, weil wir ein langfristiges Zusammenleben anstreben. Wir erweitern das Projekt an vielen Stellen: Derzeit arbeiten wir zum Beispiel gemeinsam mit einer tunesischen App-Entwicklungsagentur an einer App. Diese soll die verschiedenen Angebote, die uns erreichen, an die vermittelten Geflüchteten weiterleitet. Wir haben Anfragen aus 56 Ländern bekommen, die das Konzept bei sich umsetzen wollen. Gerade in Kanada und anderen Ländern jenseits des Atlantiks wäre es spannend zu sehen, wie die Umsetzung läuft. Die Internationalisierung des Projektes bleibt also ein großes Thema für uns. Aber es passiert auch andere, verrückte Dinge: Wir sind derzeit in Kontakt mit einem Spieleentwickler, mit dem wir eventuell basierend auf unseren Erfahrungen eine Art Theaterstück planen.

Mareike Geiling (28) hat „Religion and Culture“ studiert und lebt mit Jonas Kakoschke (30) in Berlin. Vor einem Jahr gründeten die beiden die Initiative „Flüchtlinge Willkommen“.

 

 

 

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