Auf der Klippe

Vor vier Monaten stand Bakary Konan* irgendwo in Berlin auf einer Brücke – bereit, zu springen. Er hatte in Europa auf ein besseres Leben gehofft als in Afrika, doch nun wusste er nicht mehr weiter. Sich umzubringen, das hieße jedoch, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Also sprang er nicht, sondern versuchte, neuen Mut zu fassen. „Du musst stark sein und kämpfen“, das habe er sich damals immer wieder gesagt, erzählt er.

Konan ist 39 Jahre alt. Durch sein dunkles, makelloses Gesicht mit weichen Zügen sieht er viel jünger aus. Er ist ein schüchterner Mann. Sein Deutsch ist noch nicht sehr gut, aber er lerne jeden Tag, sagt er. In seiner Heimat, in Mali, ist Konan sechs Jahre lang zur Schule gegangen. Danach half er – der älteste Sohn – seinen Eltern bei der Arbeit. Als Konan 25 Jahre alt war, ging er in den Senegal, verkaufte gemeinsam mit seinem Vater Hosen und Hemden auf den Straßen von Dakar. Vor einem Jahr ergatterte er ein Schengen-Visum und kam über Italien nach Deutschland.

Dann folgten Monate ohne Unterkunft. Eine sogenannte Fiktionsbescheinigung bekam Konan erst im November 2014. Sie ist nicht mehr als eine vorrübergehende Aufenthaltserlaubnis, die abzulaufen droht. Davor zog er mit seinem Rucksack umher, suchte jeden Abend nach einem Schlafplatz. Manchmal stieg er nachts in die U6, fuhr bis zur Endstation nach Alt-Mariendorf und wieder zurück. Nur, um im Warmen zu sein. Auf der Straße zu schlafen, das sei für ihn nicht das Schlimmste gewesen, erzählt Konan. Trauriger habe es ihn gemacht, dass etliche Menschen ihm nicht einmal zuhörten, als er sie um Rat fragte: „Die Menschen in Deutschland sind kühl und distanziert. Viele tun nicht einmal so, als würden sie sich für dich interessieren.“

Dass Konan das heute anders erlebt, liegt an Jonas Kakoschke und Mareike Geiling. Die beiden teilen sich in Berlin-Wedding eine Wohngemeinschaft. Es begann mit der Idee, Geilings Zimmer an einen Flüchtling zu vermieten, wenn die 29-jährige Studentin für zehn Monate nach Kairo zieht. Aber woher sollte das Geld für die Miete kommen? Kakoschke, ein gelassener Typ mit wildem Bart und Cap, schrieb eine Rundmail an Freunde und Bekannte. Innerhalb von zwei Wochen hatten sie die Zusagen für eine Jahresmiete.

NL_Jonas&Mareike47703-small©Jean-Paul Pastor Guzmán

Getrieben von der Idee, in Deutschland eine neue Willkommenskultur zu etablieren, gründeten Geiling und Kakoschke schließlich zusammen mit Golde Ebding, einer Freundin, die Initiative „Flüchtlinge Willkommen“. „Wir wollen möglichst viele Menschen motivieren, Geflüchtete bei sich wohnen zu lassen“, sagt Kakoschke, der als freier Grafikdesigner arbeitet. Im November ging die Plattform online. In den ersten zwei Wochen meldeten sich rund 200 Menschen an, die ein Zimmer frei haben. Als erster setzte Kakoschke selbst die Idee um: Anfang Dezember nahm er Bakary Konan bei sich auf. Eine Freundin von Kakoschke, die Konan half Deutsch zu lernen, vermittelte die Wohnung.

Golde Ebding kennt viele obdachlose Flüchtlinge: Im vergangenen Jahr arbeitete sie für die Diakonie am Berliner Oranienplatz und unterstützte Flüchtlinge, die dort in Zelten schliefen. „Gerade im Winter verschärft sich die Situation. Obdachlose und Flüchtlinge buhlen um die Notunterkünfte“, sagt Ebding. „Es gibt einfach zu wenige Hilfsorganisationen, die Schlafplätze vergeben. Meist sind es kleine, private Gruppen.“

Die drei Gründer von „Flüchtlinge Willkommen“ setzen sich dafür ein, dass auch Flüchtlinge ohne festen Aufenthaltsstatus in privaten Unterkünften aufgenommen werden. „Diese Menschen bekommen gar keine Hilfe und fallen durch jedes Netz“, sagt Ebding. Die Initiative sei auch ein politisches Statement, sagt Kakoschke. „Viele Flüchtlinge sind hier, weil ihnen die globalen Entwicklungen eine Zukunft in ihrer Heimat genommen haben. Wir sollten sie nicht auf der Straße sitzen lassen.“

Konan blickt dank dieses Engagements wieder hoffnungsvoll in die Zukunft. Er steht in der Küche seiner neuen Wohnung. Für Kakoschke und dessen Freunde kocht er Thiebou Yap, ein senegalesisches Fleischgericht mit Reis. Aus dem Topf steigt Dampf auf. Es riecht nach gebratenen Zwiebeln. „In Afrika nimmt man sich viel Zeit fürs Kochen“, sagt Konan. Er spricht so leise, dass man sich anstrengen muss, ihn zu verstehen. Er erzählt von der ersten Nacht in seinem Zimmer. Lange habe er wachgelegen, an die Decke gestarrt und sich gefragt, ob er nicht lieber wieder abhauen sollte. „Für ein paar Minuten hatte ich Angst, dass das eine Falle ist“, sagt Konan. Doch dann entschloss er sich, Kakoschke zu vertrauen. Der sagt: „Ich habe wirklich Glück mit meinem neuen Mitbewohner.“ Er mag es, dass Konan liebevoll mit seiner Katze Kurt umgeht. Konan mag es, dass Kakoschke ihm zuhört. „Einander zuzuhören und aufeinander aufzupassen, das ist das Wichtigste“, sagt Konan. Der 39-Jährige sucht nun nach einem Job. Wenn er den bekäme, könnte er vielleicht dauerhaft in Deutschland bleiben.

Im Interview erzählen Mareike Geiling und Jonas Kakoschke von ihrer Idee und den ersten Reaktionen auf „Flüchtlinge Willkommen“, erschienen im Wirtschaftsmagazin enorm.

*Name geändert.

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