Jenseits der roten Linie

Volkert Ruhe ist „Ex-Knasti“. Er hat sein Leben umgekrempelt und einen Verein gegründet, „Gefangene helfen Jugendlichen“. Ruhe begleitet junge Rüpel und Straftäter ins Gefängnis – um ihnen zu zeigen, wie der Alltag im Gefängnis wirklich aussieht. 

Armin* blickt zwischen vier Männern hin und her, die gemeinsam mit ihm und fünf weiteren Jugendlichen in einem Stuhlkreis sitzen. Mörder, Bankräuber, Zuhälter, Drogendealer, geht es dem 20-Jährigen durch den Kopf. „Was glaubst du, wer von ihnen der Mörder ist?“, fragt Volkert Ruhe, Gründer des Vereins „Gefangene helfen Jugendlichen“. Seine Stimme durchdringt die Stille in dem Raum, der so spärlich möbliert ist wie ein Klassenzimmer – nur ohne Tafel, dafür mit vergitterten Fenstern und Überwachungskameras an der Decke. Vor der verschlossenen Tür steht ein Justizvollzugsbeamter in Uniform. Armin zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Ralf*, einen blassen Mann mit aufgequollenen Augen und grauen Haaren. Ralf nimmt Armins Urteil mit einem Nicken zur Kenntnis. Vor mehr als 20 Jahren wurde Ralf für Zuhälterei, Mord und Anstiftung zum Mord verurteilt. Seitdem sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel.

Bis vor 15 Jahren saß Volkert Ruhe da, wo Ralf heute sitzt. Zehn Jahre war er für Kokainschmuggel im Gefängnis. Irgendwann in dieser Zeit kam ihm die Idee, straffällige Jugendliche wie Armin mit der Realität im Knast zu konfrontieren. „Ich habe mir immer die Frage gestellt, was in meinem Leben schief gelaufen ist – wie konnte es dazu kommen, dass ich so eine lange Haftstrafe verbüßen muss und wie kann ich die Zeit sinnvoll nutzen, damit ich überhaupt eine Chance habe, den Weg in die Gesellschaft zurück zu finden“, sagt Ruhe.

Ruhe ist heute 59 Jahre alt. Die Gründung des Vereins „Gefangene helfen Jugendlichen“ sei sein Lebenswerk. Seit mehr als 15 Jahren erzählt er Jugendlichen von seinem prügelnden Vater, seiner kriminellen Vergangenheit und vom Alltag im Knast. Viele Jugendliche hätten ein falsches Bild vom Leben im Gefängnis, sagt Ruhe. „Das Leben da da drinnen hat mit „Prison Break“ oder anderen Gefängnisserien, in denen Gefangene in Gangs abhängen und den ganzen Tag auf dem Gefängnishof Hanteln stemmen, nichts zutun.“

Ruhe erzählt den Jugendlichen im Stuhlkreis von Vergewaltigungen im Gefängnis, dass sich Insassen oft das „Frischfleisch“ aussuchen und es zu Vergewaltigungen käme. „Als Neuling musst du ganz unten anfangen. Vielleicht findet man Leute, mit denen man den Hofspaziergang machen kann – aber Freunde findet man hier nicht.“ Diese Erfahrung hat auch Ralf gemacht. Zwei Mal war er in seiner Jugend für Laden- und Autodiebstähle im Gefängnis. Dort lernte er Mitgefangene aus dem Rotlichtmilieu kennen. Er kam wieder frei und stieg in ihr Geschäft ein. Am Ende wurde er von den Kollegen verpfiffen, die damit ihre eigene Strafe mindern wollten. Seitdem sitzt der heute 62-Jährige im Gefängnis – ob er jemals wieder rauskommt, ist ungewiss.

Nachdem Ralf und die anderen Insassen von ihren Strafen erzählt haben, sind die Jugendlichen an der Reihe. Armin erzählt von Ladendiebstählen und Schlägereien. „Wir bauen Scheiße. So wie es alle machen“. Dass nicht alle Jugendlichen Leute verprügeln, scheint ihm nicht bewusst zu sein. Das Schlimmste, was er je einem Menschen angetan habe, war ein Nasenbruch. Seitdem ist er wegen Körperverletzung vorbestraft. „Die Jugendlichen müssen verstehen, dass es immer klein anfängt. Aber irgendwann übertritt man eine rote Linie und dann ist es zu spät“, sagt Ruhe, der weiß, wovon er spricht. „Wir kommen da her, wo die Jugendlichen heute stehen. Deshalb haben wir es leichter als Sozialpädagogen, die Jugendlichen zu erreichen.“

Ob der Besuch in der JVA Fuhlsbüttel im Leben der Jugendlichen etwas verändern wird, bleibt abzuwarten. Ein halbes Jahr lang wird Ruhe Armin und die anderen Jugendlichen der Gruppe begleiten. Einmal wöchentlich mit ihnen über ihre Vergangenheit und ihre Zukunftspläne sprechen. Er wird versuchen sie davon zu überzeugen, ihr Leben noch einmal umzukehren.

*Name geändert.

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