Stark um jeden Preis

Julia Salehi ist jung, schlank und sportlich. Doch was ihr fehlte, war die Anerkenung. Für die Suche nach dem perfekten Körper ging sie einen harten Weg.

Adern laufen über ihre muskulösen Oberarme, hinunter bis zu den Händen. An ihren Brüsten zeichnen sich die Implantate ab, die sie sich vor drei Jahren einsetzen ließ. Julia Salehi ist 24 Jahre alt, 1,70 Meter groß, hat braunes, kinnlanges Haar. Breitbeinig steht sie in einem Nebenraum des Bodybuilding-Studios XXXL-Schmiede in Berlin. Vor ihr kniet Felicia und streicht ihrer Schwester mit einer kleinen Malerrolle braune „Competition-Farbe“ auf den Oberschenkel, dann über die schlanke Hüfte und das handbreite Tattoo mit dem Schriftzug Never give up.

IMG_2377

Diesen Satz hat sich Julia in den letzten Monaten oft gesagt – niemals aufgeben. Für ihre erste Teilnahme an der Berliner Bodybuilding Meisterschaft in der Bikini-Klasse, quält sie sich seit Monaten. Zehn Kilogramm hat sie seit Januar verloren, ihr Körper besteht nur noch zu 13 Prozent aus Fett. Neben Fatburnern und Schilddrüsenhormonen, die ihren Stoffwechsel ankurbeln, lässt sie sich Vitamin B12 spritzen, um die körperlichen und psychischen Strapazen besser auszuhalten. „Es ist eine echte Herausforderung den Körper immer wieder auszutricksen“, sagt Julia. Seit längerem gibt Julias Körper ihr Warnsignale. Ihre Menstruation bekommt sie seit drei Monaten nicht mehr. Sie hat Kreislaufprobleme, kippt beim Training um – der Seilzug schnellt zurück und knallt ihr gegen die Stirn.

Dann kam die Entladungsphase: Um die Kohlenhydratspeicher in ihrem Körper zu entleeren, aß sie täglich nur noch zwei Kilo Pangasiusfilet. Dazu trank sie zehn Liter Wasser– am Tag. Heute darf sie nur noch knapp zwei Liter trinken, bevor sie morgen auf die Bühne geht. „Die Entwässerung ist die Hölle. Ich fühle mich, als würde ich vertrocknen“, sagt Julia. Sinn dieser Quälerei sei es, den körpereigenen Schutzmechanismus, Wasser zu speichern, zu überlisten, erklärt Julias Trainer Jörg Grothe. Dies hält Jörg für eine „natürliche Entwässerung“. Einen Tag vor dem Wettkampf guckt er sich Julias Körper noch einmal genau an. Ihm scheint nicht zu reichen, was er sieht. Er gibt Julia Entwässerungstabletten und Abführmittel, damit ihre Muskeln noch sichtbarer werden.

IMG_2376

Bei Julia kommt sein Ehrgeiz gut an. Seit Julia mit 19 Jahren ihre erste Fitnesstrainer-Lizenz gemacht hat, bewundert sie die Frauen, die in der Bikini-Klasse antreten. „Ich fand diese Frauen schon immer schön und wollte auch so aussehen“, sagt Julia. Als sie sich im vergangenen Jahr von ihrem Freund trennte und wieder bei ihren Eltern einzog, war die Entscheidung gefallen. Von da an stemmt sie fast jeden Tag Gewichte, sprintet auf dem Laufband, macht Klimmzüge – geht immer an ihre Grenzen. Den Kampfgeist habe sie von ihrer Mutter, sagt Julia. Auch Julias Mutter Petra ist Fitnesstrainerin. Die beiden trainieren oft zusammen. Doch Julias Teilnahme an dem Bodybuilding-Wettbewerb, stößt bei Petra auf Unverständnis: „Das ist kein sportliches Ziel. Zu hungern und sich auf einer Bühne fast nackt zu präsentieren, ist einfach nur primitiv.“ Steht Julia in Konkurrenz zu ihrer Mutter und wollte sie mit dem Bodybuilding überbieten? Julia sagt nein. „Aber seitdem ich mich auf den Wettkampf vorbereite, streiten wir oft. Meine Mutter hat immer auf ihre Figur geachtet, so gut wie nie Kohlenhydrate gegessen. Auf einmal muss ich mir nun jeden Tag anhören, dass man sich auch mal etwas gönnen soll“, sagt Julia.

Der nächste Tag. Elf Uhr, es ist soweit. In ihrem pinkfarbenen Bikini, einer 350 Euro teuren Maßanfertigung, reiht sie sich in eine Gruppe muskulöser Barbies ein, die in glitzernden Bikinis und hohen Schuhen, die Bühne betreten. Die Frauen trippeln von links nach rechts. Julia steht mit dem Rücken zum Publikum, stützt ihre rechte Hand in die Hüfte und dreht mit einem Lächeln den Kopf über die Schulter. Die Menge jubelt.

Julia übersteht die Vorrunde und wird am Ende Fünfte. „Jetzt bin ich erst einmal froh, dass ich wieder essen kann“, sagt Julia nach der Show und lässt sich auf eine Isomatte fallen. Die Kapuze ihres Jogginganzugs hat sie sich über den Kopf gezogen. Trotz des Selbstbräuners, der ihr Gesicht dunkel gefärbt hat, sieht sie blass aus. Doch das erste Mal soll nicht das letzte Mal gewesen sein. Zwar findet sie sich kurz vor dem Wettkampf zu sehnig und mag sich nicht im Spiegel sehen. Doch bereits eine Woche später fühlt sie sich wieder zu dick. Sie streift ihr Shirt hoch, kneift sich in die Haut an ihrem Bauch und gesteht: „Es ist die Sucht nach Anerkennung und dem perfekten Körper – das wird wohl nie aufhören.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s